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Über die Erfahrungen mit besonders Schutzbedürftigen

Der Karlsruher Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes betreibt im Rahmen der Landeserstaufnahme seit November 2015 eine Flüchtlingsunterkunft für besonders Schutzbedürftige. Ein bisher einzigartiges Projekt in Baden-Württemberg. Zwei Mitarbeiterinnen aus dem Leitungsteam berichten von ihren Erfahrungen, die sie seither im Christian-Griesbach-Haus machen.

Katrin Huber und Emily Haeusler, Leitungsteam Christian-Griesbach-Haus

Seit November 2015 sind wir Betreiber einer Landeserstaufnahme: Fern ab von großen Massenunterkünften leiten wir ein überschaubares Haus mit 200 Plätzen, einen Schutzraum, wo kranke oder pflegebedürftige Menschen, physisch oder psychisch Kranke unterkommen. Jeder hat sein Einzelschicksal, sowohl der Krebspatient mit geringen Lebenserwartungen als auch die Schwangere, die unter den Bedingungen einer Flucht das „schöne“ Erlebnis von Geburt und Familienzuwachs erlebt.

Sinnvolle Aufgabe in der Warteschleife

Die Gemeinschaftstoiletten glänzen und die Türgriffe sind poliert von täglicher Desinfektion durch die fleißigen Bewohner-Helfer, die durch diese Tätigkeit eine wenigstens etwas sinnvolle Aufgabe in ihrer Warteschleife haben. Trotzdem lenkt die oberflächliche Sauberkeit kaum davon ab, dass ein Gebäude, das für die Alten der deutschen Gesellschaft als Pflegeheim ausgedient hatte, noch gerade gut genug für Flüchtlinge ist.

Wir sind bemüht, den Aufenthalt menschlich und familiär zu gestalten und wissen, dass das Haus nur Zwischenstation ist, dass darauf entweder eine Gemeinschaftsunterkunft folgt, die den Start in ein selbst bestimmtes Leben darstellt, mitsamt Integration und Zukunftsperspektiven. Oder die Rückkehr ins Herkunftsland. Freiwillig oder nicht. Hier sind die Perspektiven so individuell wie die Bewohner, die bei uns untergebracht werden.

Im Spannungsfeld zwischen helfen und nicht helfen

Der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steht ständig im Spannungsfeld von helfen, wo nötig (zum Beispiel alleinreisenden Rollstuhlfahrern), wo möglich (Patienten mit medizinisch aussichtsloser Perspektive) und wo es Spaß macht (eine spontane Geburt im Haus begleiten). Oder aber auch nicht zu helfen, wo die Zuständigkeit endet. Die Mitarbeiter stehen auch vor der Herausforderung, in all den Sprachen und Kulturen Neutralität zu wahren, auf die gleichen Anfragen die gleichen Lösungen anzubieten und dennoch der Individualität jedes einzelnen Gastes Rechnung zu tragen. Profitismus von Hilfsbedürftigkeit zu unterscheiden und Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern, anstatt bis zur Unmündigkeit zu unterstützen.

Durchatmen, bevor die Reise weitergeht

Für uns als Betreiber dieses Schutzraums ist das Projekt ein immer währender Lernprozess, eine Herausforderung, ein Alltag der Routine mit immer wieder neuen Herausforderungen. Wir sind dankbar für dieses Lernfeld und dankbar für die Entscheidung, dass wir eine Unterkunft schaffen durften, die sich für die Gäste positiv von den Massenunterkünften abhebt, um besonders schutzbedürftigen Menschen für ein paar Monate einen Raum zum Durchatmen zu geben, bevor ihre Reise weiter geht. 

Wir hoffen, dass dieses Projektes dazu beiträgt, dass Flüchtlinge ein positives Bild vom Empfang in Deutschland mit sich nehmen, Kraft dafür finden, ihre Situation realistisch einzuschätzen und gestärkt in ihre Zukunft weiter ziehen.

Mehr als ein Bett

Es ist nicht alles Gold was glänzt? Uns reicht es, wenn ein Gast des Hauses sagt: „Das ist ein gutes Haus“. Uns reicht es, wenn ein Mitarbeiter sagt: „Ich arbeite gerne hier“. Uns reicht es, wenn die ehrenamtlichen Helfer uns emsig jeden Tag unterstützen und sich gut angebunden fühlen. Uns freut es, wenn ein Dialysepatient seinen lang ersehnten Platz im Landkreis bekommt. Uns freut es auch, wenn eine Familie den Entschluss fasst, in ihr Heimatland zurückzukehren. Wir bewerten nicht. Wir stellen nur einen Übernachtungsplatz zur Verfügung, der oft mehr ist als ein Bett.

 

1. Dezember 2017 12:02 Uhr Alter: 14 Tage